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Blick durch das Schlüsselloch, 1997

1997/98
RICHARD ROSS
Blick durch das Schlüsselloch/Schloss Buchberg


1997/1998 Blick durch das Schlüsselloch

Fotoinstallation und Holzrahmen

Foto: C-Print, 74 x 74 cm

Rahmen: Holz, 16,5 x 13,5 cm

Blick durch das Schlüsselloch aufgenommen am 21. Juli 1997, Installation mit Rahmen 1998

Raum: Mehlturm im Kapellenhof


Die Installation entsteht anlässlich der Ausstellung Rauminstallationen 1983−1998, 1998. RICHARD ROSS montiert einen noch 1997 signierten Bilderrahmen rund um ein Schlüsselloch, durch das ein Blick in einen Dachbodenraum geworfen werden kann, dessen Zustand am 21. Juli 1997 in einem Foto der Serie Schloss Buchberg festgehalten ist. Das Foto wird später neben der Tür aufgehängt und die Installation als weiteres permanentes Raumkonzept geführt.



1997 Schloss Buchberg

Fotoserie, 7 Motive

alle C-Print, je 74 x 74 cm

Sammlung Gertraud und Dieter Bogner, Kunstraum Buchberg


„...the house is one of the greatest powers of integration for the thoughts, memories and dreams of mankind.” (Gaston Bachelard)


Mein Leben lang hatte ich diesen immer wiederkehrenden Traum, in dem ich eine geheimnisvolle Tür in meinem Haus finde, eine Türe, die ich noch nie zuvor gesehen habe. Wenn ich sie öffne, finde ich zu meinem Erstaunen einen wundervollen, ungenutzten Raum, einen Raum ganz für mich allein, und ich bin erfüllt von Freude über den Zauber dieses unerklärlichen, unerwarteten Geschenks. Genau so ein magischer Ort, vielleicht sogar noch stärker, ist für mich Buchberg. Es ist ein Ort, der die Besucher hinter jeder Ecke in einen neuen Raum führt, der immer wieder anders ist, durch die Präsenz von einem oder mehreren Objekten, durch Farbe, Licht oder durch subtil bis intensiv wirkende Neugestaltungen. Es ist ein Ort, an dem sich in jedem Winkel ein Geheimnis, eine Überraschung oder ein freudiges Erlebnis verbirgt.


Mit der Entscheidung, Buchberg den Künstlern für ortsspezifische und raumfüllende Installationen zu überlassen, haben Dieter und Gertraud Bogner das Schloß zu einem work in progress gemacht, zu einem Werk, das an jeder Ecke, an jeder Tür, aus jeder Perspektive voller Möglichkeiten steckt. Die Fotografien von RICHARD ROSS fangen den essentiellen Charakter von Buchberg ein, indem sie einen Blick in die Zwischenräume werfen, in Zimmer und Räume, die im Entstehen sind. Seine Bilder fangen den offenen Charakter und die Quintessenz des Schlosses und jedes seiner Räume ein. In einem Zimmer mit mehreren türkisgrünen Türen steht eine Gipsbüste am Boden, deren abgeschlagener Kopf daneben in einer Porzellanschüssel liegt. Ist dies ein Kunstwerk? Ein historisches Fragment? Etwas Abgeschlossenes oder etwas, mit dem erst begonnen wurde? Ein anderer Raum enthält eine einzige, gerahmte Zeichnung, eine Darstellung in der Darstellung, ein Raum der Illusion in einem Raum der Möglichkeit. Auf einem anderen Bild ist eine Wiese zu sehen, die an der Schwelle einer offenen Türe endet, von der aus unser Blick auf ein direkt dahinter liegendes Dach und eine Ziegelmauer fällt. Wozu eine Tür, die sich von außen nach außen hin öffnet? Und wo befinden wir uns – am Boden oder weit darüber? Es ist ein unwirkliches Zusammentreffen von Blickwinkeln, eines, das der Logik der Poesie folgt, sich aber dem Verständnis des vom Alltag geschulten Auges widersetzt.


In jeder Fotografie von ROSS finden wir eine Transformation des Normalen und Alltäglichen. Die Ruhe, die ein Tisch und ein Stuhl vor einem offenen Fenster ausstrahlen, läßt an einen einzigen Moment eines Schriftstellers denken, an den kurzen Augenblick bevor Träumerei sich in eine materielle Form verwandelt In einem düsteren Dachboden sieht man wahllos angelehnte Türen, so als ob jede darauf warten würde, sich einer vergessenen Erinnerung zu öffnen. Das Foto eines repräsentativen weißen Raumes, überspannt von einem riesigen Gewölbe, zeigt ein Stiegenhaus, das nirgendwo hinzuführen scheint, während rechts davon aus einer leicht geöffneten Türe ein unheimliches gelbes Licht entströmt. Hier findet etwas Entscheidendes statt – oder hat stattgefunden, oder wird stattfinden.

Eine Fotografie unterscheidet sich von den anderen, sie wurde im Lindenhof vor dem Schloß aufgenommen. In einer idyllischen Landschaft stehen ein Tisch und zwei leere Stühle, die nicht Abwesenheit suggerieren, sondern sehr einladend wirken. Man ist überrascht, wenn man auf dieses Bild stößt – etwa so wie man helles Nachmittagslicht aufnimmt, nachdem man den ganzen Tag in einem Raum verbracht hat. Hier wurde ein bescheidenes Element des Hauses in einen üppigen, unberührten Naturraum versetzt, als Versöhnung mit den gegensätzlichen Positionen von Innen und Außen, privatem Raum und Außenraum, wie sie von den übrigen Fotografien thematisiert werden.


Die Bilder von ROSS sind so ungewöhnlich und unvorhersehbar wie Buchberg selbst. Das Schloß, wie auch ROSS’ Vision davon, ist ein magischer und sich ständig verändernder Ort, an dem jeder Eingriff jeweils einen anderen Aspekt seines Charakters enthüllt. Die Haupträume – Keller, Dachboden, Halle, Treppenhaus, Ecken, Fenster, Tür – sind das Rohmaterial für Veränderungen, ein Katalysator, der durch den Einfallsreichtum und die Großzügigkeit der Besitzer von Buchberg in Bewegung gesetzt wurde und durch die Phantasie und das Einfühlungsvermögen der Künstler, die das Schloß für sich erobern, weitergeführt wird.


(Textbeitrag von Marcia Tucker, publiziert in deutscher Übersetzung von Barbara Rosenegger in Raumkunst.Kunstraum. Schloß Buchberg am Kamp, Wien 2000)


www.richardross.net


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